Das jährlich stattfindende
Festival der Ci-Viren.

Über eine sehr lange Zeit hat sich die Freizeitgestaltung der Ci.-Viren im Wesentlichen nicht verändert. Die Träume der besuchten Menschen und manchmal auch die der besuchten Tiere kamen und gingen, meist sich wiederholende Themen und Ausgestaltungen, man könnte auch sagen, es wurde langsam langweilig. So hatte sich wohl in erster Linie aus diesem Grund eine Untergruppe der Ci.-Viren gebildet, die sich länderübergreifend die Aufgabe gestellt haben, etwas frischen Wind in die Träume der Menschen und Tiere zu bringen.

Eine zufällige und vorausgehende Entdeckung hatte zu einem Impuls geführt, der das Traumgeschehen von entsprechend ausgesuchten „Klienten“ revolutionieren sollte. Es war eine Gruppe von Ci.-Viren, die nach einem „Kinobesuch“ eher gelangweilt als amüsiert die Zeit vertrödelnd auf dem Weg nach Hause waren. Sie wanderten etwas ziellos und wenig achtsam durch das Hirn des Menschen, verließen hier und da die üblichen Wege und stießen so, auf bis dahin nicht weiter für wichtig erachtete seltsame Gebilde. Etwas übermütig und nicht so recht wissend wohin mit den eigenen Energien, stupsten sie planlos gegen so ein Gebilde, mal rechts des Weges, mal links des Weges, was dann postwendend zu kleinen Blitz-Gewittern, über ein ganzes Netz dieser seltsamen Zellen führte. Nach ersten Schreckmillisekunden setzten sie nun ihren Weg fort. Neugierig und verspielt wie sie nun einmal waren, wurde jetzt munter gestupst, immer in Erwartung eines kleinen Gewitters. So gestaltete sich der Rückweg nach Hause deutlich unterhaltsamer und sie beschlossen für die Zukunft, öfter mal die üblichen Rückwege zu verlassen.

Was diese kleine Gruppe zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war die Tatsache dass zeitgleich noch eine Vorstellung im „Kino“ lief und deren Besucher nun erstaunt und verwundert einen Traum miterlebten, in den sie keinen Faden bekamen, es lief drunter und drüber. Niemand verstand die Handlung, es wirkte arg konstruiert bis völlig konfus und inhaltlich geriet es völlig aus dem sonst üblichen Rahmen. Später, nachdem alle Besucher endgültig den Menschen verlassen hatten, sich zuhause zur üblichen Gesprächsrunde versammelt hatten, wurde dieser eigenartige Vorgang thematisiert. Nach langen Diskussionen und gemeinsamen Überlegungen kamen alle Beteiligten zu dem Schluss, dass die kleinen Blitz-Gewitter wohl ursächlich mit diesem seltsamen Traumgeschehen zu tun haben könnten.

Jetzt also wurde geforscht. Erst einmal wurden übliche Rückwege verlassen, dann wurde gestupst, mal hier, mal dort. Die gestupsten Zellen reagierten wie erwartet mit Blitz-Gewittern, und ein ganzes Feuerwerk an Reaktionen im Hirn des Klienten war die Folge. Nicht nur das, selbst direkte Körperreaktionen waren die Folge. Der Mensch im Schlaf und Traum fing an zu strampeln, die Hände griffen nach imaginärem, alle möglichen Körperteile entwickelten ein seltsames Eigenleben, was nicht zwingend in einem unmittelbaren inhaltlichen Zusammenhang mit dem Kerngeschehen des Traums stand.

Jetzt war die Katze aus dem Sack.

Die Ci.-Viren hatten entdeckt, dass man mit gezieltem Stupsen die seltsamen Zellen, oder sagen wir einfach Neuronen zu ihnen, dazu bewegen kann ein provoziertes dynamisches Eigenleben aller Körperteile, aber auch der Hirntätigkeit, und das explizit in der Traumphase, verursachen kann. Weniger freundlich könnte man damit den Beginn der gezielten Manipulation menschlichen und tierischen Träumens, durch planmäßiges Agieren der Ci.-Vieren bezeichnen.

Das waren also die Anfänge der „Gelenkten Träume“.

Erste große Feldversuche wurden aber aus politischen Gründen und zur Aufrechterhaltung der (noch) friedlichen Koexistenz zwischen Menschen und Viren an den Haustieren der Menschen vorgenommen. Nach einer Reihe dieser spannenden Versuche sollten möglicherweise die Menschen in diesen Wirkungskreis der Viren mit einbezogen werden.

Beleuchten wir nun eins der besonders gelungenen Beispiele aus jüngster Zeit, welches den 1.Preis in einem internationalen Wettbewerb gewann. Der Preis ging in die Region Babelshügel, irgendwo im Osten der Deutschen Republik. Dies soll den Entwicklungsstand in der dortigen Ci.-Viren Szene verdeutlichen.

Eine Gruppe Ci.-Viren hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einen Kater im Traum dazu zu bringen eine Maus zu heiraten!

Keine leichte Aufgabe, da bekanntlich Katzen und Kater im Schlaf, ihre auf die Außenwelt gerichteten Sinne ganz besonders gut unter Kontrolle haben. Die bekannte extreme Sensibilität der Probanden, der Katzen im Allgemeinen, machte den besonderen Schwierigkeitsgrad dieses Versuchs deutlich.

Die Ci.-Virengruppe um den führenden Kopf der Gruppe, namentlich Agatha, hatte sich bereits über einen längeren Zeitraum dem Kater Zarathustra genähert und sich ausreichend oft in seine Traumwelt begeben. Gewisse Vorbereitungen für das große Schauspiel waren also abgeschlossen.

Zarathustra war ein ganz normaler Kater. Er lebte in einer Küsterfamilie unmittelbar neben der alten Dorfkirche, nahe am Dorfplatz unweit des Dorfteichs. Seine Menschen-Wirte versorgten ihn soweit gut, womit sich sein Jagdtrieb einigermaßen im Rahmen hielt. Wirklicher Hunger war ihm schon seit vielen Jahren fremd. Hin und wieder fing er eine Maus, aber doch eher um sich selbst fit zu halten, seine Sinne zu schärfen, und ab und zu musste auch ein Vogel an diese Sinne glauben. Andere Tiere waren trotz aller Katzenlist schneller als Zarathustra, oder sie wehrten sich mit Zähnen und Klauen, was dann schon mal zu Verletzungen bei Zarathustra führte. Andere erfolgreich gejagte Subjekte schmeckten einfach abscheulich, wurden also wieder von der Liste gestrichen. Im Großen und Ganzen blieb es also bei Mäusen, bzw. bei dem von den Wirten gereichten Speisen.

Zarathustras Träume entsprachen im Wesentlichen denen üblicher Katzenträume. Die Mäusejagd, die Vogeljagd, angenehme und manchmal auch sehr unangenehme Auseinandersetzungen mit Artgenossen, wenn es um Revierstreitigkeiten ging, gab es kein Pardon und im Traum schon gar nicht. Straßenverkehr war ein wiederkehrendes Thema, nervige Auseinandersetzungen mit den Wirten, meist dann, wenn die Leckerlies nicht wie gewünscht regelmäßig und zuverlässig gereicht wurden. Besonders heftig waren die Alpträume in Verbindung mit dem „Auf die Bäume klettern“. Ein weiterer gern geträumter Alptraum war die abrupte Änderung der eigenen Fellfarbe auf Signal-Orange und die Krönung dieser Träume waren im Licht reflektierende Streifen quer über den ganzen Körper. Keine noch so dunkle Höhle konnte das ersehnte Ende des Alptraums erträglich machen. In jeder Höhle saß eine höhnisch grinsende Maus mit einer blendenden auf die reflektierenden Streifen gerichteten Taschenlampe. Dies war wohl die aktuelle Nr. 1 auf der Katzen-Alptraumliste.

Nach Wochen und Monaten der Vorbereitungen, des Trainings für den großen Wettbewerb, ging es nun an die Startvorbereitung des „Gelenkten Traums“. Die Durchführung benötigte eine große Anzahl Viren die jeweils spezielle Funktionen hatten. Nichts wurde dem Zufall überlassen, alles sollte planmäßig auf den Punkt gelingen.

Agatha war also die Dirigentin, die mit kluger Vernetzung und perfekt getimeten Kommandos alle Beteiligten zum Höhepunkt des Traums, zum Jawort des Katers vor dem Altar der Dorfkirche, auf die Frage ob er denn seine Mausi heiraten wollte und den darauf folgenden Kuss seiner geliebten Maus, dirigiert.

Agatha hatte dafür einen besonderen Leitstand eingerichtet. Er befindet sich nahe der Linse aber auf der Innenseite der Netzhaut. Sie machte sich eine besondere Katzeneigenart zu Nutze, die ihr selbst in heiklen Momenten einen entscheidenden zeitlichen Vorteil sicherte. Die Katzen verfügen über eine besondere „Kontrollinstanz“ die eine Verbindung zwischen Außenwelt des Tieres und dem Bewusstsein sowie Unterbewusstsein, und das auch über alle Schlafphasen aufrechterhält. Die Träume der Katzen/Kater werden zur Kontrolle durch die „Instanz“ auf die Innenseite der Netzhaut projiziert, so kann diese „Instanz“ zu jeder Zeit, die Träume der Tiere im Blick, das Tier zu blitzschnellen überlebenswichtigen Reaktionen animieren. Dieses Agieren der „Instanz“ geschieht quasi vor jedem Denken, den Reflexen übergeordnet, zwischen den Sinnen koordinierend, bei vollem „Katzenverstand“, trotz gleichzeitigem Traumerleben der Katzen/Kater.

Agatha wurde durch ihre Positionierung so zeitgleich Zeuge aller im Katzenhirn ablaufenden Prozesse.

Es war also soweit. Zarathustra wurde besucht. Alle beteiligten wussten, dass es nachmittags etwas aus Menschenhand zu essen gab, was dann üblicherweise zu einem ausgedehnten Nachmittagsschlaf führte. Agatha, alle Ci.-Akteure und Aktivisten, sowie die Jury begaben sich auf ihre Positionen, das Schauspiel und der Wettbewerbsbeitrag konnte beginnen.

Es war kurz nach 16 Uhr, Zarathustra hatte wie gewöhnlich gegessen, es hatte ebenfalls wie gewöhnlich einigermaßen gut geschmeckt und so legte er sich wie gewöhnlich auf den Ohrensessel im Wohnzimmer. Obendrein war es sommerlich warm und eher er 20 Schafe hätte zählen können schlief er entspannt ein.

Jetzt kam Agathas großer Auftritt. Sie war aufgeregt, hatte etwas Lampenfieber obwohl sie diese Spektakel schon mehrfach inszeniert hatte, wenn auch nicht in dieser Größe.

Zarathustra entschwand langsam in seine Traumwelt, Agatha ließ mit Hilfe ihrer Akteure und Aktivisten mittels Neuronen gezielt Bereiche der Synapsen über Impulse zu Imaginärem verleiten.

Zarathustra war im Traum angekommen, sein Traum startete wie gewöhnlich, die „Instanz“ lehnte sich entspannt zurück, es gab keinen Grund zur besonderen Aufmerksamkeit. Agatha sah die „Instanz-Kontroll-Bilder“ und schwang den Dirigentenstab.

Der obere Teil von Zarathustras Unterbewusstsein schaltete sich traumgemäß ein, Zarathustra stand auf, streckte sich und marschierte ein wenig schlaftrunken auf die Haustür zu. Agatha sah nun über die Kontrollbilder in Echtzeit den erlebten Traum und Zarathustra sah sich nun selbst sehenden Auges das Haus durch die geschlossene Tür verlassen.

Ein wunderbarer Start in den Traum! dachte Zarathustra noch mit der zunehmend schwindenden Beteiligung des unteren Teils seines Unterbewusstseins. Zarathustra liebte diese Träume in denen er alle Gesetzte der Schwerkraft und sonstige widrige Einschränkungen der Realität überwinden konnte. Aber kaum war er durch die Tür die zwei steinernen Stufen vor dem Haus hinunter gegangen, erschrak er sich ganz fürchterlich! Von rechts kam ein Fahrrad, alle Verkehrsregeln missachtend auf ihn zu. Eine Mensch*in ohne Acht und Umsicht auf dem direkten Weg in die Kollision. Zarathustra noch voller Schreck sprang nun mit aller Kraft in die Höhe.

Noch während er sich auf dem Weg in die Baumkronen, der vor dem Haus stehenden großen, wohl beinahe 30m hohen Platanen befand, hörte er entfernt die Stimme seiner Mutter aus den Tiefen seines untersten Unterbewusstseins. „Ich hab dir doch tausendmal gesagt, du sollst erst rechts und links schauen, bevor du über den Bürgersteig oder die Straße gehst!!!“ Weit oben in der Baumkrone angekommen ergriff Zarathustra einen starken Ast der Platane gekonnt mit den Vorderpfoten. Er vollzog mehrere Zirkusreife Drehungen, holte mächtig Schwung und katapultierte sich in die nächste Platane. Dort folgten etliche Drehungen um die eigene Achse, einige Auf- und Abschwünge und nach mehreren Schrauben und einem mehrfachen Salto landete Zarathustra perfekt stehend auf seinen Hinterbeinen. So stand er still, kein Anflug von Unsicherheit. Gekonnt! durchfuhr es Zarathustra und verneigte sich mit weit ausholender Geste kerzengerade auf den Hinterbeinen stehend vor dem nicht vorhandenen Publikum. Jetzt war es ganz still, Zarathustra schaute sich vorsichtig um, ob nicht vielleicht doch jemand seine Zirkusreife Nummer bemerkt hat, aber wie gewöhnlich um diese Zeit, war eigentlich niemand zu sehen. Das Fahrrad war verschwunden, Zarathustra schlenderte weiter, an den Gärten der Nachbarn vorbei, Richtung Dorfteich.

Für Agatha war es nun an der Zeit die nächste Stufe des „Gelenkten Traums“ einzuleiten. Ein kurzer Blick auf die Netzhaut des Katers, den projizierten Traum, alles war in Ordnung, Zarathustra genoss seinen Traum. Die „Instanz“ sah keinen Grund für Beunruhigung.

Zarathustra passierte den Garten und das Haus der Familie Kröterich, die übernächsten Nachbarn auf der rechten Seite des Dorfplatzes. Aus den Augenwinkeln nahm er noch die beiden Gänse der Familie Kröterich wahr. Das Verhältnis zwischen ihm und den Gänsen bestand im Wesentlichen aus gemeinsam geteilter gegenseitiger Ignoranz, wenn sie Zarathustra nicht manchmal mit ihrem lauten Warn-Geschnatter aus dem Pirschmodus holen würden. Jedes Mal entfuhr Zarathustra ein verächtliches Verräter!! und er schlich weiter, auf zum nächste Garten. Im Weitergehen vernahm er nun ganz klar und deutlich ein „Guten Tag Zarathustra!“ der beiden Gänse. Etwas verdutzt und erstaunt entfuhr ihm aber ohne das er wirklich selbst beteiligt war: „Guten Tag ihr lieben Gänse!“

Jetzt rief es die „Instanz“ auf den Plan, die etwas perplex mit dem unteren Unterbewusstsein kommunizierte und spontan los prustete: „Äh…Alter, du hast gerade die blöden Gänse von nebenan gegrüßt, geht´s noch?!?“

Aber Zarathustra ließ sich nicht von sich selbst beirren und ging weiter seines Weges. Agatha war zufrieden, die erste wirkliche Prüfung der „Instanz“ war erfolgreich verlaufen, es lief alles nach Plan.

Zarathustra verspürte zunehmend Lust auf einen Gang zum Dorfteich. Dort war immer etwas los. Treffpunkt für fast alle Katzen und Kater aus dem Dorf und der Nachrichtenumschlagplatz schlecht hin.

Allerdings gab es eine schwer zu nehmende Hürde auf dem Weg dorthin, ein neu gebauter vierspuriger Zubringer zur Umgehungsstraße für das Dorf. Eine Hürde in jeder Hinsicht, viele seiner Kollegen hatten es nicht geschafft, waren auf der Strecke geblieben.

Zarathustra nun also kurz vor der schlimmen Straße, Agatha kurz vor einem der Höhepunkte ihrer Traumgestaltung.

Zarathustra bedachte die sonst gängige Strategie zur Überquerung der Straße: Nicht kopflos losrennen! Erst links, dann rechts schauen! Auf dem Mittelstreifen kurz halten! Wieder links und rechts schauen! Dann zügig auf die andere Seite laufen! Während er das so bedachte marschierte Zarathustra los. Zugleich wuchs er in Windes Eile, er wurde immer größer, der Zubringer immer kleiner und unmittelbar vor der Straße konnte er eine Pfote vor, eine andere auf dem Mittelstreifen, und die dritte auf der anderen Seite der Straße absetzen. Alles unter Zarathustra wurde zu kleinen Spielzeugen, eher verspielt harmlos als angsteinflößend. Zarathustras Unterbewusstsein war platt, ein „grandioser Traum“ durchfuhr es das allertiefste Unterbewusstsein des Katers, der sich gleichzeitig behaglich auf dem Ohrensessel streckte. Die „Instanz“ war angenehm überrascht und wollte den Traum gerade in die Kategorie „Nicht schlecht“! einsortieren, als es weiter ging. Zarathustra wuchs immer noch, alles unter ihm wurde immer kleiner und so begann Zarathustra nur mittels imaginärer Gedankenkraft die Straße zu verändern. Er baute Schleifen in die Straßenführung, ließ die Autos in einem Tunnel verschwinden um sie dann mit hoher Geschwindigkeit in einen Looping zu schicken. Er ließ die Autos abrupt die Richtung wechseln, was zu einem lustigen Verkehrschaos führte und legte eine Tankstelle mit einer Hochgarage an. Die Autos wurden dort in einer derartigen Geschwindigkeit eingeparkt, dass allen Insassen schwindelig wurde. So saß Zarathustra dort neben dem sich ständig veränderndem Zubringer, mehr über als neben dem Geschehen und für einen Moment sah er sich als zukünftiger Stadtplaner für Katzengerechte Verkehrsführung. Dieser Gedanken wurde von einer Kindheitserinnerung überlagert. In seiner Wirtsfamilie hatte es einen kleinen Menschenjungen gegeben, der eine Spielzeug-Auto-Rennbahn zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Für einen kurzen Moment sah er dem kleinen Jungen in die Augen, er sah wie sich die Spielfreude darin spiegelte, aber im gleichen Moment viel ihm wiederum ein, dass er den mittlerweile deutlich größeren Jungen öfter am Dorfteich sah, dort trieb er sich rum, Ziellos, planlos, nach Mädchen Ausschau haltend, der Pubertät anheimgefallen. Armer Menschenjunge!

Aber Zarathustra war noch nicht fertig mit seinem Verkehrsgeschehen, er hatte Gefallen an seinem Gestaltungsspielraum gefunden. Endlich war auch er einmal am Zug! Er ließ die Ampeln in chaotischer Reihenfolge die Farbe wechseln, was wiederum zu einer Steigerung des Chaos führte, kickte hier und da ein Auto von der Straße und sah mit einer gewissen Schadenfreude, wie den Insassen dieser Autos nun endgültig schlecht wurde. „Es geschieht ihnen recht!“, säuselte es in aller Tiefe alle Katerbewusstseinsebenen, die „Instanz“ schloss wohlwollend die Augen.

Etwas berauscht von seiner Macht über den widerlichen Straßenverkehr, viel im der Dorfteich wieder ein. Freute er sich doch darauf, endlich mal wieder einen Kumpel zu treffen. Er ließ die neu gestaltete Straßenführung links unten liegen und schritt weiter durch das Dorf. Er war nun auf Höhe des neugebauten Kirchturms der Andersgläubigen angekommen, den Wetterhahn beriechend, ihn mit dem Gesicht streichend zu berühren, um dann im Weitergehen mit selbstverständlicher Beiläufigkeit den Turm der Kirche zu markieren. Obwohl sich dabei ein eigenartiges, wohl anerzogenes, nicht zu definierendes Unwohlsein einstellte, ging es weiter Richtung Dorfteich. Zarathustra war noch nicht ganz an der Kirche vorbei, da bemerkte er im Gehen wie sich die Perspektiven wiederholt seltsam veränderten.

Und oh Schreck! hatte er plötzlich Sarah vor sich. Von Angesicht zu Angesicht auf Augenhöhe. Sarah, die dreijährige Tochter des Küsters der Andersgläubigen, das jüngste Mitglied der Wirtsfamilie eines Kollegen. Bevor Zarathustra auch nur denken konnte, wurde er von Sarah gegriffen und nach Leibeskräften geherzt. Zarathustra ging die Luft aus! Dann folgte das übliche an den Ohren und am Schwanz zieh Spiel und Zarathustra machte sich ganz klein. Er machte sich so klein, dass Sarah verdutzt inne hielt und sich suchend nach Zarathustra umsah. Zarathustra war für Sarah im Moment unauffindbar klein.

Die „Instanz“ wurde aufmerksam, wusste sie doch um das enge beieinander von freundlichem Traum und Alptraum. Zarathustra hasste den Traum des Ganz-Klein-Seins, endete er doch meist in Flucht und Vertreibung.

Mittlerweile hatte Zarathustra den Dorfteich erreicht, ein mühsamer Weg, lange weite Strecken, große fast unüberwindbare Hindernisse, aber Zarathustra war noch nicht auf Normalgröße. Etwas hatte sich geändert, die Leichtigkeit mit der er vorher seine Größe hat ändern können war nun nicht mehr da.

Am Dorfteich war es beinahe ganz still, keine Kollegen, keine nervigen genervte pubertierende Jugendliche, aber dafür furchterregend große Kröten und noch viel größere Enten. Zarathustra begriff nun endgültig das sich sein Rückweg zum Pastorat schwierig gestalten würde, lange Wege, der Verkehr, riesige kesse Hunde, unfreundliche Kollegen, kleine Wassergräben am Wegesrand wurden zu riesigen Strömen mit gefährlichen und heimtückischen Gullys, es war zum Heulen! Zarathustra huschte nun möglichst unauffällig um die Hausecken, vorbei an riesigen Parks, umschlich bei den Kröterichs die fast dinosauriergroßen Gänse, die ihn glücklicherweise nicht bemerkten. Aus großer Ferne sah er nun sein Zuhause, das Pastorat fast kathedralgroß. Endlich, fast hatte er es geschafft. Zarathustra hatte seine Größe mittlerweile traumgemäß akzeptiert, er freute sich auf die Leckerlies und den verdienten langen Vom-Traum-Erholungs-Schlaf auf dem Ohrensessel, auf dem er gerade etwas unruhig schlief.

Aber Agatha war noch nicht fertig, hatte sie das Ziel ja noch nicht erreicht.

Zarathustra auf ungewöhnlich kurzen Beinen unterwegs, brauchte nun unendlich lange für den Weg um die Kirche zum Pastorat. Glücklicherweise gab es neben den Türen kleine Mauseschlupflöcher, so gedachte er den Weg um die Kirche deutlich abzukürzen. Er kannte den Weg ganz genau, wenn auch aus etwas anderer Perspektive. Erst durch die Sakristei, dann um den Altar, durch das Hauptschiff, und wieder durch ein Mauseloch zur Tür raus und da stand dann etwas versetzt das Pastorat, was für ein Glück.

Agatha hatte jetzt einen roten Kopf, es war nicht leicht alle Beteiligten auf den Punkt zu Takten, alles steuerte auf den Höhepunkt zu.

Zarathustra war nun müde, der Traum war doch anstrengender als anfangs erlebt. Jetzt noch schnell durch die Sakristei, um die Treppe herum, den Altar umlaufen und dann durch das Schiff…

Und da geschah es!

Agatha fuchtelte wie wild mit dem Dirigentenstab, alle Akteure und Aktivisten befolgten blitzartig ihre Anweisungen. Neuronen wurden animiert, in Zarathustra Hirn tobten Blitzgewitter, Hormone wurden mit höchster Geschwindigkeit gemixt und in den Blutkreislauf ausgeschüttet. Botenstoffe schossen durch Zarathustra Hirn, die „Instanz“ war außer sich, Holographien wurden durch Akteure und Aktivisten in das Traumgeschehen eingeschleust.

Zarathustra wollte gerade um die Ecke des Altars!

Und da stand Sie!! Fast hätte er sie umgelaufen.

Eine wunderschöne, schlank gewachsene, mit wunderschönen Schleifchen um die Ohren, viele zauberhaft orientalisch anmutende Ohrstecker in den feinen Ohren, mit wunderschön eingeflochtenen Schleifchen im Schwanz, auf den zartesten Füßchen, die schönste Maus die es jemals gegeben hat.

Sie ist das zauberhafteste Wesen das Zarathustra jemals gesehen hat. Zarathustra schaute in die zauberhaftesten Augen die er jemals gesehen hat. Diese wunderschönen Augen hatten das zauberhafteste schokoladenbraun das er jemals gesehen hat. Diese zauberhaften Zähne hatten das zauberhafteste Weiß das er jemals gesehen hat und wie wunderschön spitz sie doch waren! Und das Fell dieses liebreizenden Wesens, was für einen zauberhaften Glanz es doch hat!

Zarathustra war auf den Schlag, den größten Bogenhieb den Agatha jemals mit ihrem Dirigentenstab vollführt hat, ohne jeden Verstand und außerhalb jeder Selbstkontrolle.

Die „Instanz“ rang um Luft, und das Wesen vor Zarathustra holte tief Luft und säuselte Zarathustra zuckersüß in die Ohren: „Hallo lieber Kater, ich bin die Miezi, ich bin neu hier in der Kirche, und wer bist du?“

Zarathustra war vollkommen fassungslos, noch nie in seinem ganzen Leben hatte er eine so liebreizende, wunderschöne und zauberhafte Maus gesehen!

„Ich heiße Zarahleander, äh – Zarathustra, ich bin 7×2,45 Katzenjahre alt und wohne hier. Ich habe noch zwei Schwestern, drei Brüder und drei Großmütter. Meine Geschwister wohnen auf Rügen und meine Großeltern lebten auf einem Kümo. Der Kümo hatte den Namen „Framsynthet“ und eigentlich sind wir zugereiste Schweden, aber das ist sehr lange her. Jetzt wohne ich hier, vielleicht verreise ich übernächstes Jahr mal nach Schweden, dort möchte ich Verwandte besuchen…!“ Zarathustra konnte nicht aufhören zu reden, er versank in diesen wunderschönen Augen.

„Wollen wir nicht noch einen kleinen Spaziergang um die Kirche machen?“ entfuhr es Zarathustra, „Ich könnte dir die Pastorengräber zeigen, wunderschön gearbeitet Grabsteine, ausgesprochen Fantasie volle Ausgestaltungen und aus feinstem importierten Marmor! Bei Mondlicht hat es dort eine wunderschöne traumhafte Atmosphäre“

„Ja, das können wir gerne machen, aber ich muss pünktlich bei Sonnenuntergang wieder Zuhause sein, meine Eltern, du verstehst sicher!“ sagte Miezi.

Na klar verstand Zarathustra, er verstand alles was Miezi sagte und er würde alles verstehen was Miezi jemals sagen würde, auch wenn er es nicht verstand, aber das spielte in Augenblick keine Rolle.

Beide machten eine Runde um den Friedhofseingang, für weitere Strecken war es mit den kurzen Beinen doch zu mühsam und so kehrten die beiden zurück in die Kirche, zurück zu den Altarstufen. Dort angekommen stellte Zarathustra überrasch fest, dass der Pastor in vollem Ornat bei feierlich geschmücktem Altar offenbar auf sie wartete. Besonders ungewöhnlich, aber im Moment durchaus angebracht und der seltsamen Situation entsprechend, begegneten sie sich alle drei auf Augenhöhe.

Die Holographie des Pastors, eingeblendet in Zarathustra Traum, alles passte zusammen. Agathas Meisterstück!

Zarathustra schwebte im siebten Himmel, Miezi strahlend schön, der Pastor in seinem Element und die Orgel die wie von Geisterhand gespielt, zauberhafte Sphärenklänge von sich gab. Nichts was nicht aufeinander abgestimmt war.

Die „Instanz“, noch nicht ausreichend mit Atemluft versorgt, konnte nicht glauben was sie sah. „Was zum Teufel ist bloß hier los?“ Alle Bewusstseinsebenen wurden unverzüglich zur Berichterstattung aufgefordert, aber es war zu spät.

Agatha wusste bereits, dass sie ihr großes Ziel erreicht hatte.

Zarathustra stand neben Miezi, beide hielten sich zärtlich die Pfoten, was für ein wunderbarer Moment. Der Pastor vor ihnen, der jetzt tief Luft holte um dann die Frage aller Fragen zu stellen:

„Zarathustra, alter Schwede!“, der Pastor räusperte sich, lächelte die beiden etwas verschmitzt an, und ein „sollte ein Scherz sein“ folgte. „Zarathustra! Willst du Miezi zu deiner Frau nehmen, sie über alle Mausefallen hinwegtragen, ihr auch bei schlechtestem Wetter kleine Käsehäppchen aus dem Supermarkt holen? Sie niemals, wirklich niemals zum Fressen gern zu haben? (an dieser Stelle konnte Zarathustra nicht recht folgen, aber er war so außer sich, dass sich jedes Bedenken in nichts auflöste…) und dann weiter an Miezi gerichtet: „Liebe Miezi, willst du Zarathustra zu deinem Mann nehmen, ihn immer mal wieder in seinen Träumen aufsuchen, ihm immer mal wieder das gute Gefühl geben, dass es immer mal wieder im Leben einen der schönsten Tage des Lebens gibt?

Ja!! sagten beide gleichzeitig und der zärtlichste aller Küsse folgte.

Agatha ließ den Dirigentenstab fallen, ihr flossen Tränen der Rührung über die Wangen. Was für ein Moment!

Die „Instanz“, angesichts des gerade erlebten, vollkommen Fassungslos! Sie versuchte Zarathustra durch das Dickicht seines unteren Unterbewusstseins zu erreichen: „Alter, ich fass es nicht, du knutscht gerade eine Maus!!! Das kriegen wir nie wieder hin!!

Agatha, alle Freunde des „gelenkten Traums“, die Akteure, die Aktivisten, die Jury, alle klatschten stehend Beifall!

Zarathustra wurde langsam wach, er stand bedächtig auf, reckte und streckte sich, und seltsam, er verspürte Hunger auf ein kleines Stückchen Käse. Zu jedem weiteren klaren Gedanken war er noch nicht fähig. „Was für ein verrückter Traum“ vernahm Zarathustra aus allen Ecken seiner Bewusstseinsebenen und schlich irgendwie ein wenig mitgenommen durch das Pastorat. Die angelehnte Tür mit der Pfote öffnend, in und dann durch die Sakristei. Die Tür zum Kircheninnern stand offen. Er sprang die Stufen zum Sockel des Altars hinauf. Jetzt war es, als würde die Orgel eigenartige Klänge von sich geben. Sphärenklänge, dachte Zarathustra, ihm wahr als hätte er sie gerade vorhin schon einmal gehört.

Zarathustra verlies die Kirche, schaute links, dann rechts und lief über den Bürgersteig, zögerte einen Moment, horchte in die Tiefe, aber dort war nichts!? Er querte die Straße, ging weiter Richtung Park.

Ihm war nach Dorfteich, er hatte von einem höchst seltsamen, wenn auch in Teilen etwas peinlichen Traum zu erzählen.

Agatha war müde, dieses sehr konzentrierte Dirigieren ist sehr anstrengend. Sie trank aus einem wohlschmeckenden und wohltemperierten Wasserdampfbläschen, ließ sich von dem warmen Sommerwind tragen, schlief entspannt ein und entschwand in ihre Traumwelt…